Unabhängigkeitstag in Togo (27.04.25) & aktuelle Proteste
- leaintogo
- 3. Sept. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Diesen Beitrag möchte ich mit einem kleinen Blick auf die Geschichte Togos beginnen.
Im Jahr 1884 wurde Gustav Nachtigall von Reichskanzler Bismarck nach Westafrika entsendet. In Togoville ließ er den ortsansäßigen König Mlapa III. einen Vertrag zur deutschen „Schutzherrschaft“ unterschreiben. Damit wurde das damals sog. Togoland zu einer deutschen Kolonie. Nach dem ersten Weltkrieg musste Deutschland seine Kolonien abgeben. Frankreich verwaltete von da an den östlichen Teil als Völkerbundmandat und später UN-Treuhandgebiet, Großbritannien den westlichen.
Am 27.04.1960 wurde Togo unabhängig. Sylvanus Olympio, der sich für die Unabhängigkeit des Landes eingesetzt hatte, wurde der erste Präsident. In den folgenden drei Jahren überlebte er drei Attentatversuche, wurde allerdings 1963 bei einem Putsch ermordet. Vier Jahre später kam es erneut zu einem Putsch, in Folge dessen sich Eyadéma Gnassingbé zum neuen Präsidenten ernannt hat. Nach seinem Tod 2005 wurde sein Sohn Faure Gnassingbé zum neuen Präsidenten ernannt, der bis vor Kurzem im Amt war (Grund dafür: s. Nachtrag am Ende).
Die hier aufgezeigte politische Entwicklung der vergangenen 65 Jahre ist auf einige wichtige Punkte reduziert. Tatsächlich war das Geschehen aber deutlich komplexer, das würde allerdings den Rahmen hier ein wenig sprengen… :)
Quelle (und falls sich jemand noch weiter in die Thematik einlesen möchte):
Ein etwas älterer aber dennoch aktueller Artikel - eine Mischung aus der jüngeren Landesgeschichte und der heutigen Lebensrealität der Menschen: https://www.deutschlandfunkkultur.de/kleines-land-grosses-leid-100.html

Nun aber zur Feier des 65. Unabhängigkeitstags in Lomé!
Bereits um 5.30 Uhr ging es zusammen mit Celina, Ronja (einer befreundeten Freiwilligen aus Sokodé, die zu Besuch war) und Kommson (einem togoischen Freund) zum Place des Fêtes. Wir haben Stehplätze in der ersten Reihe ergattern können, in Sichtweite der Tribüne für die geladenen Gäste. Da immer mehr Zuschauer kamen, standen wir dicht gedrängt und mussten unsere Plätze im Verlauf des Vormittags immer stärker „verteidigen“. Dafür hatten wir aber eine gute Sicht auf alles!

Zuerst fuhren die geladenen Gäste in schicken Autos vor und nahmen auf der Tribüne Platz. Gegen 8 Uhr wurden der Président du Sénat, etwas später der Président de l’Assemblée Nationale und anschließend die Premierministerin in einer Limousine gebracht und sind den roten Teppich zur Ehrentribüne entlanggegangen, während die Blaskapelle gespielt hat. Etwa eine Stunde später war es dann so weit: Begleitet von zahlreichen vermummten und schwer bewaffneten Soldaten kam Präsident Faure Essozimna Gnassingbé. Dieser Auftritt war ganz schön respekteinflößend, da bei einem der Wagen lediglich die Mündungen der Waffen (die aus kleinen Öffnungen in den Fenstern herausragten und auf die Zuschauer gerichtet waren) zu sehen waren.

Nach der Eröffnungsrede des togoischen Staatsoberhauptes sprangen zuerst die Fallschirmspringer aus einem vorbeifliegenden Hubschrauber. Im Anschluss begann die Militärparade. Jede Gruppe (Police, Gendarmerie, Feuerwehr, Kavallerie, Luftwaffe, Marine, Infanteristen, etc.) hatte ihre eigene Uniform (ich wusste nicht, dass es Tarnkleidung in so vielen verschiedenen Farbnuancen gibt) und marschierte in perfektem Gleichschritt an uns vorbei. Auch Boote, Panzer und schweres Geschützt wurden präsentiert.

Danach folgte das Paramilitär. Die Ehemaligen wurden lautstark beklatscht und mit Jubelrufen begrüßt. Anschließend kam die Zivileinheit: große Gruppen von vorrangig Frauen, gekleidet in identische pagne, die je eine Region Togos vertreten haben. Außerdem ausgewählte Schulklassen - alle in strammem Gleichschritt. Schließlich kamen noch mehrere Tanzgruppen, die meist in traditionellen Kostümen aufgetreten sind. Der meiner Meinung nach coolste Teil war dabei eine Gruppe, die auf ca. 5m hohen Stelzen lief bzw. tanzte!

Nach knapp 5h des Stehens (zum Glück war es heute bewölkt und nicht ganz so heiß!) waren wir alle ziemlich erschöpft und sind nach Hause gefahren. Unserem Eindruck nach war die Militärparade in erster Linie eine Machtdemonstration und hat bei uns - falls es denn das Ziel war - hervorragend als Einschüchterung gewirkt…
Abends haben wir uns wieder am Strand getroffen, um zusammen zu essen. Anschließend sind wir zum Palais de Lomé gefahren, wo heute Abend eine Lichtershow stattfand. Wir haben viele Fotos mit Togoflagge und Blumenstrauß (hatte eine Künstlerin gestaltet und an Interessierte zum Fotos machen ausgeliehen) gemacht und die gute Stimmung genossen.



Nachtrag:
In der jüngeren Vergangenheit, insbesondere 2017, kam es immer wieder zu Protesten, die allesamt gewaltsam beendet wurden. Auslöser war beispielsweise die autokratische Regierungsweise (auch wenn es sich auf dem Papier um eine „Demokratie“ handelt) der Familie Gnassingbé - und das seit fast 60 Jahren.
Gegen Ende unseres Aufenthalts (v.a. im Juni) hat die Unzufriedenheit in der Bevölkerung weiter zugenommen, sodass erneut Proteste stattfanden und wir Freiwilligen mehrere Tage zu Hause bleiben und nicht rausgehen sollten. Auf den großen Hauptverkehrsstraßen war bereits die Tage davor sehr große Polizeipräsenz zu beobachten. Bei mir in Sanguéra (nördlicher Rand der Stadt) fand an diesen Tagen kaum etwas statt, in Adidogomé (5km näher am Stadtzentrum) sah das schon ein bisschen anders aus. Zum ersten Mal war ich wirklich sehr froh darüber, ein wenig außerhalb zu wohnen! Laut Medienberichten (z.B. aus Deutschland) sind während der Proteste nämlich sieben Menschen gestorben, vermutlich durch die Polizei bzw. das Militär.
Nachrichten und Presse unterliegen in Togo einer Zensur. Mitte Juni wurden dann sogar noch die französischen Nachrichtenseiten und -sender von France 24 und Radio France Internationale für drei Monate gesperrt! Angesichts der bevorstehenden Proteste kursierten außerdem Gerüchte darüber, dass (so wie 2017) das Internet und die Mobilfunkverbindung abgestellt werden könnten, da sich die Demonstrierenden vorwiegend über soziale Medien wie TikTok mobilisieren. Auch wenn das letztendlich nicht passiert ist, war alleine die Vorstellung schon ziemlich krass! (Zum Internet-Shutdown 2017 gibt es von Y-Kollektiv eine kurze Reportage: https://www.youtube.com/watch?v=4FwVQV8FpFk)
Gründe für die aktuellen Protestaktionen waren zum einen eine Erhöhung der Strompreise um über 12% und steigende Lebenshaltungskosten, zum anderen einer Verfassungsänderung Anfang Mai. Durch die politische Veränderung (seitdem parlamentarisches statt präsidentielles System) wurde die Macht Gnassingbés letztendlich erweitert. Er ist nun Präsident des Ministerrates (hat dabei die gleichen Kompetenzen wie zuvor), wird aber nicht mehr direkt von der Bevölkerung gewählt und kann dieses Amt auf unbegrenzte Zeit ausüben. So hat die Bevölkerung nun noch weniger Möglichkeiten mitzubestimmen, die Demokratie wurde weiter geschwächt. Der entzündene Funke war letzten Endes die Festnahme eines bekannten Rappers, der sich systemkritisch geäußert und zu Widerstand aufgerufen hat.
Hier sind zwei Artikel, in denen es um die aktuellen Proteste geht:



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